Kloster Muri - Gries: Der Weingeist

Nein, auch im Kloster Muri-Gries können sie Wasser nicht zu Wein machen. Dennoch schafft Kellermeister Christian Werth einen bemerkenswerten Wandel: Er widmet sich einer lang verkannten heimischen Rebe - und veredelt den Lagrein zu einem der überraschendsten Weine Südtirols.

WENN ES HOCHSOMMER WIRD IN BOZEN, dann weicht der Straßenasphalt auf, dann liegt der Blattsalat auf dem Markt schon am Vormittag schlaff unter den bunten Schirmen  und die Stadtverwaltung richtet für Senioren klimatisierte »Hitze-Unterkünfte« ein. Bozen mag mitten in den Alpen liegen, ist im Sommer aber oft die heißeste Provinzhauptstadt Italiens.

Temperaturen von über 30 Grad Celsius sind keine Seltenheit, auch weil die Stadt sich in einem Talkessel aus Wärme speicherndem vulkanischen Porphyrstein zusammendrängt, in dem sich die Hitze ordentlich staut und nicht so einfach abziehen kann.

Niemand liebt die brütenden Bozner Sommertage. Nur einer blüht dann richtig auf: der Lagrein, eine alte Südtiroler Rebsorte. Der Lagrein wächst hauptsächlich auf den warmen, sandigen Schwemmböden im Bozener Ortsteil Gries. Hinter den großen Blättern der Rebe sind die Trauben vor einem Sonnenstich geschützt, während die Beeren in der Wärme darunter perfekt ausreifen können. Und dabei jene Eigenschaften entwickeln, die Weinliebhaber so reizvoll finden. Den tiefdunklen Granatton. Den Duft nach reifen roten Früchten. Das samtige Gefühl im Mund. Und die leicht bittere Note.

Das Interesse für den Lagrein, dem verwandtschaftliche Verhältnisse zu Marzemino, Pinot und Syrah nachgesagt werden, ist so neu wie die Rebsorte alt. Der neben dem Vernatsch einzige autochthone Rote Südtirols wird seit dem 16.Jahrhundert in Bozen angebaut. Große Karriere machte er trotz der berühmten Cousins nicht. Er wurde meistens als Kretzer (Rose`) gekeltert oder dem Vernatsch beigegeben, damit er etwas mehr Farbe und Ausdruck bekam, und brachte es nur zum Bozner Wirtshausfusel. Doch dann kam Christian Werth 

Christian Werth ist KelIermeister in der Bozner Klosterkellerei Muri-Gries.
Sein ganzes Berufsleben hat er mit dem Lagrein verbracht.Er hat den ungehobelten Bauernburschen in einen interessanten, vielschichtigen Typen verwandelt, den auf einmal alle Welt kennenlernen will. 

Die Edel-Version "Abtei Muri Riserva" erhält regelmäßig die begehrte Höchstnote der "Tre Bicchieri" im Weinführer "Gambero Rosso" und ist so gefragt, dass man ohne Voranmeldung keine einzige der 60.000 Flaschen ergattert, die jährlich produziert werden. Und das ist erst der Anfang. "Mit dem Lagrein werden wir in den nächsten Jahren noch einiges erleben", ist Christian Werth überzeugt. 

Werth ist 56 Jahre alt, ein schwerer Mann mit grauen Haaren und randloser Brille. Einer, der nachdenkt, wenn ihm eine Frage gestellt wird.

Und der keinen schlammverspritzten Geländewagen fährt, wie man ihn bei einem Winzer erwarten würde, sondern einen blank polierten grünen Jaguar, der jetzt sanft schnurrend die Serpentinen in Richtung Jenesien hinaufkurvt. Werth hat für das Mittagessen das Gasthaus »Rafenstein« hoch über Bozen ausgesucht, wegen der Aussicht und "weil sie dort so ein  gutes Wiener Schnitzel machen". 

SO WAR ES NICHT IMMER IN SÜDTIROL. Werth, der aus dem Überetsch stammt, hat auch die unerfreulichen Zeiten der hiesigen Weinwirtschaft noch miterlebt. In denen Masse statt Klasse zählte und der »Kalterer See» in der Ein-Liter-Flasche das Höchste der Gefühle darstellte. Als Werth 1988 in der Klosterkellerei anfing, ging es in Südtirol gerade los mit der Qualitats Verbesserung. Erst wurden die Weißweine auf Vordermann gebracht, dann waren internationale Rotweinsorten wie Merlot und Cabernet dran. »Mit dem Lagrein hat es länger gedauert. Für den hat sich anfangs keiner interessiert. Dabei hat mich gerade das gereizt: aus einer einheimischen Traditionsrebe das Maximale herauszuholen.«

Werths Interesse ist natürlich auch eine Zeiterscheinung. Echtes und Ursprüngliches stehen seit ein paar Jahren im Kurs, vor allem, wenn es um Essen und Trinken geht. Praktisch alle Rebsorten, die irgendwie autochthon und halb vergessen sind, können mittlerweile mit einer gefeierten Wiedergeburt rechnen - und mag das Ergebnis auch noch so sauer ausfallen. Doch beim Lagrein hat sich der Einsatz tatsächlich gelohnt. »Um seine Qualität zu verbessern, haben wir natürlich erst mal die Erträge reduziert«, erzählt Werth. Dann habe man von Pergeln, der traditionsreichen Südtiroler Anbauweise, auf Spalier umgestellt, um die Qualität zu steigern. Und den Wein schließlich in kleinen Holzfässern reifen lassen. Andere Winzer zogen nach. »Heute haben wir in Südtirol mit dem Lagrein ein hervorragendes einheimisches Produkt geschaffen. Einen wunderbar trinkbaren Wein, wie man ihn sich vor 30 Jahren nie hätte vorstellen können.«

Seit Beginn des Lagrein-Revivals in den späten 80er-Jahren hat sich die Anbaufläche der Rebsorte in Südtirol von 260 auf 452 Hektar beinahe verdoppelt. Auch im Überetsch und im Unterland wird sie jetzt gern gepflanzt - obgleich, wie Werth nicht müde wird zu betonen, nichts mit dem ganz speziellen Terroir in Gries mithalten könne, »wo Wärme und Porphyr den Lagrein besonders geschmeidig und filigran werden lassen«.

Der Kellermeister steuert seinen Jaguar wieder talwärts; es wird Zeit für einen Lokaltermin im Kloster. Gries - oder »Grias«, wie der Bozner sagt - ist ein altes Dorf am rechten Talferufer, das 1925 nach Bozen eingemeindet wurde. Kantige Wohnblöcke aus der Ära des Faschismus bedrängen seine historischen Villen und Bürgerhäuser im Tiroler Stil. Mittendrin sitzt behäbig und freundlich das Kloster Muri-Gries, im 15. Jahrhundert von den Augustinern gegründet und 1845 von Schweizer Benediktinern aus dem Aargauer Kloster Muri übernommen. Werth fährt von hinten auf das Gelände, durch eine Reihe äußerst romantischer Innenhöfe mit Kopfsteinpflaster, rankenden Glyzinien und mächtigen, alten Holztoren.

Der Wein wird in der ehemaligen Stiftskirche aus dem 15. Jahrhundert gemacht, wo große Stahltanks in den beiden Kirchenschiffen stehen.Gleich daneben liegt der schlichte Kreuzgang, in dem sich das säuerliche Kellereiaroma mit einem Hauch Weihrauch vermischt. Die Kellerei ist ein wichtiger Geschäftsbereich für das Kloster; 650000 Flaschen werden jedes Jahr abgefüllt, zum Großteil mit Lagrein, dem Aushängeschild von Muri-Gries. Von den 13 Mönchen arbeitet keiner im Keller. »Aber Abt Benno Malfer trinkt gern mal ein Glas mit mir«, erzählt Werth.

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Im Kloster gebe es einiges zu bestaunen: eine prächtige spätbarocke Stiftskirche, das »Schweizer Zimmer«, das die heimwehkranken Aargauer Mönche mit helvetischen Landschaften ausmalen ließen, und schließlich das Vorzimmer von Abt Benno, mit kostbarer Holzschnitzerei und einem Renaissance Kachelofen ausgestattet, den eine Trauben- und WeinbIatt-Deko schmückt. Doch Christian Werth strebt wieder ins Freie hinaus. Für ihn liegt die wahre Preziose des Stifts unmittelbar hinter dem Kloster. Im Klosteranger, einem mit alten Steinmauern eingefriedeten historischen Weinberg, 2,7 Hektar groß.

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HIER ARBEITET CHRISTIAN WETH an der Zukunft des Lagreins. An einer Einzellage, wie man sie aus Bordeaux und Burgund kennt. Vor zehn Jahren hat er sie mit kleinbeerigen, selektierten Reben bepflanzt, aus denen sich ein besonders konzentrierter Traubensaft pressen lässt. 2018 kam die erste Flasche des Lagrein Riserva Klosteranger in den Handel, Jahrgang 2014, der 20 Monate in neuen Barriques gereift ist und edelverpackt in schwerer Flasche und «Holzkischtl» verkauft wird, (ein paar Flaschen bekomme ich dieses Jahr auch), für rund 50 Euro statt der acht Euro die der Basis-Lagrein von Muri-Gries kostet. Werth schwärmt jetzt schon von der »vollen, mehrschichtigen Tiefe« seines neuen Erzeugnisses, das »der perfekte Ausdruck von Herkunft« sein wird und dem Lagrein den Weg in die Liga der internationalen Top-Weine ebnen soll.

Dieser Text stammt von Annette Rübesamen, aus dem GEO SPECIAL SÜDTIROL 2018. Wir sind sehr stolz, daß es Südtirol in eine SPECIAL Ausgabe von GEO geschaft hat. Ich hoffe, dass das Interesse und die Faszination an Südtirol weiterhin so wächst.

Eure Elisabeth Pföstl

Tags: 2019

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